50 Jahre Stonewall

gemeinhin als der Wendepunkt und Geburtsmoment der LGBTIQ*-Geschichte gesehen, der es Millionen von Menschen weltweit möglich gemacht hat, sich zu outen und für die eigenen Freiheitsrechte zu kämpfen. Stonewall war nicht nur ein Aufstand für LGBTIQ*-Rechte – es war Teil einer breiteren Bewegung, die gegen Krieg, gegen Armut und gegen Rassismus kämpfte. Längst vergessen ist der Antikapitalismus der Bewegung.

Was damals passierte

In den 1960er-Jahren kam es in New York und anderen Städten immer wieder zu gewalttätigen Razzien in Schwulenlokalen. Dabei wurde die Identität der Besucher*innen eines Lokals festgestellt (und bisweilen öffentlich gemacht), und es kam zu Verhaftungen und Anklagen wegen „anstößigen Verhaltens“.

Am 28. Juni 1969 fand eine solche Razzia in der Szene-Bar Stonewall Inn statt, die an diesem Abend auch von zahlreichen Drag Queens besucht wurde. An diesem Tag sollen sich besonders viele Schwule in New York aufgehalten haben, weil zuvor die Beerdigung eines Schwulenidols stattgefunden hatte: der Schauspielerin Judy Garland. Die Besucher des Stonewall Inn ließen sich das Vorgehen der Polizei nicht gefallen, und die Polizisten wurden gewaltsam vertrieben.

Der Kneipenaufstand entwickelte sich zu einer dreitägigen Straßenschlacht, zu der Unterstützer*innen aus ganz New York herbeieilten, darunter der Schriftsteller Allen Ginsberg, der im Chelsea Hotel lebte. Die Polizei, die erst mit dem vice squad, der Sittenpolizei, angerückt war, sandte nun riot squads, Einheiten, die Aufstände niederschlugen. „Daraufhin haben sich die Dragqueens quer über die Straße hinweg untergehakt, die Beine mit ihren hochhackigen Schuhen in die Luft geworfen wie Can-Can-Girls und laut gesungen“, erzählt Richard Goldstein. „Da ergriffen die Polizisten die Flucht.“ Die Ereignisse führten zu einer breiten Solidarisierung im New Yorker Schwulenviertel, und auch in den Folgetagen leisteten die Schwulen den verstärkten Polizeitruppen erfolgreich Widerstand. Erst nach fünf Tagen beruhigte sich die Situation.

Was Stonewall einzigartig macht

Trotz einiger Versuche, den Aufstand „weißzuwaschen“, wissen wir, dass das Stonewall Inn eine Bar für Personen war, die aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe im Klassengefüge ganz unten waren – auch ökonomisch gesehen. Regelmäßige Gäste waren schwarze Trans*personen, hispanische Lesben und Schwule sowie Sexarbeiter*innen. In den letzten Jahren ist Auch eine Debatte darüber entflammt, wer den ersten Ziegelstein geworfen haben soll. Viele versuchten die Person als schwarze Trans*frau zu identifizieren, andere als hispanische Lesbe, die beide schon von der Polizei aufgegriffen wurden. Geschlecht, sexuelle Orientierung und Herkunft variieren. Die Debatte ist jedoch sinnlos, denn der Protest damals war nicht einzigartig.

Denn schon in den Jahren zuvor hatte es mindestens drei solche Aufstände der LGBTIQ*-Community gegen die repressive Polizeigewalt gegeben. Schaut man sich nur an, wie schlecht Stonewall damals dokumentiert war – ein Artikel in der Village Voice mit ein paar Fotos – ist es wahrscheinlich, dass sich öfter Personen gegen die eigene Verhaftung gewehrt hatten.

Was Stonewall einzigartig macht, war nicht der Aufstand selbst, sondern der spezifische historische Kontext der 68er, der die Menschen in den folgenden Wochen und Monaten dazu brachte, sich in einer radikalen Bewegung zu organisieren, nämlich in der Gay Liberation Front (GLF). Die GLF demonstrierte gegen die aufgezwungenen Geschlechterstereotype. Die liberale, homophile Mattachine Society wollte als „normal“ gelten; die linke GLF sah die Gesellschaft als krank und forderte deren radikale Revision: „We reject society’s attempt to impose sexual roles and definitions of our nature. … Babylon has forced us to commit ourselves to one thing: revolution.”, hieß es in ihrem Pamphlet. Die GLF war gegen den Kriegseinsatz der USA im Vietnam und benannte sich in Anlehnung und Solidarität nach der National Liberation Front, die im Vietnam gegen die US-Truppen kämpfte. Die GLF war die Antithese zu einer Politik des falschen Respekts und der falschen Normalisierung, indem sie radikal gegen die Unterdrückung durch diesselbe auf allen Ebenen der amerikanischen Gesellschaft kämpfte.

LGBTIQ*-Historiker*innen haben zudem festgehalten, dass zahlreiche Stonewall-Aktivist*innen in anderen Bewegungen zuvor aktiv gewesen waren, speziell in der Anti-Vietnamkriegsbewegung und im Black Power Movement. Die zivilgesellschaftliche Bewegung zwischen 1968 und 1973 in den USA vereinte verschiende Kampfmomente gegen Rassismus, gegen Krieg, gegen Homophobie und für Feminismus und gleiche Rechte. Sie brachte einen noch die dagewesenen progressiven Wandel hervor. Dies war aufgrund von zwei essentiellen Momenten möglich:

1. massives soziales Engagement, das gegen zahlreiche Formen der Untersrückung kämpfte und diese Kämpfe vereinte

2. die massive Entfremdung von den etablierten Parteien, die diese Kämpfe auch nicht in sich aufnehmen konnten.

Was uns Stonewall heute lehrt

Diana Davies, Stonewall Inn, 1969. Courtesy of New York Public Library, Manuscripts and Archives Division

Nicht zuletzt war es dieses Engagement abseits der etablierten Parteien, das Lesben, Schwulen und Trans*, Inter und queeren Menschen fundamentale Rechte beschert hat: Entkriminalisierung, Ehe für alle, Anerkennung des dritten Geschlechts, Adoption und vieles weitere. Das alles sind aber Siege, die neoliberale Politiker*innen nicht viel politisches Kapital gekostet haben. Das, was jetzt noch ansteht, erfordert noch viel mehr Mut: es braucht Wohnungen für alle, auch für die unverhältnismäßigere, größere Zahl von LGBTIQ*-Jugendlichen, die obdachlos sind, LGBTIQ*-bejahende Erziehung in Schulen sowie einen echten Diskriminierungsschutz in allen Bereichen.

Der Schlüssel zu solchen mächtigen Bewegungen ist nicht nur ihre Größe, sondern auch ihre Unabhängigkeit von den etablierten Parteien. Der soziale Wandel von oben herab funktioniert nicht, wenn Parteien das für uns machen. Die Lektion der Stonewall-Bewegung besteht nicht nur in den Mechanismen für einen massiven sozialen Wandel, sondern auch darin, dass dieser Wandel von Bewegungen von unten kommt. Die Macht für wirkliche Veränderung liegt außerhalb der großen Parteien – nämlich in der Macht, die Menschen haben, sich selbst durch geschickte Organisierung zu befreien.

Autor: Thomas Hörl

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