Der Kapitalismus kann uns keine schönen und bezahlbaren Wohnungen geben

Unter dem Kapitalismus richtet sich das Wohnen nach dem, was Immobilienentwickler*innen, Investor*innen und Baufirmen sowie Vermieter*innen an Provision erhalten wollen und nicht nach dem, was durchschnittliche Personen brauchen.

Der Hauptgrund, weshalb uns der Kapitalismus, keinen bezahlbaren Wohnraum geben wird, liegt auf der Hand: das Profitmotiv. Profit ist das Lebenselixier des Kapitalismus. Der Zweck der kapitalistischen Produktionsweise und des Tausches ist nicht das Schaffen von Waren; Waren sind nur ein Mittel, um mehr Geld zu bekommen, als ein*e Kapitalist*in zuvor hatte. Oder anders: Kapitalist*innen bleiben nicht im Wettbewerb aufgrund der Qualität oder Menge der Ware, die sie produzieren – sie bleiben konkurrenzfähig auf Basis der Tatsache, ob sie Profit erhalten.

Was heißt das fürs Wohnen? Das Schaffen und Erhalten von Wohnraum ist entschiedenerweise nicht das Hauptziel von Immobilienentwickler*innen, Baufirmen, Hypothekengeber*innen und vielen Vermieter*innen. Wohnraum ist ein praktisches Mittel, durch das Kapital sich selbst reproduzieren kann – wodurch eben diese Leute noch mehr Geld machen können.

Während Linke nicht müde werden, das Profitmotiv hinter der industriellen Produktion herauszufordern – das reicht von Autos, Sojabohnen bis hin zu Stahl und PCs, ist es ebenso wichtig, dass wir dieses Motiv im Bereich der sozialen Reproduktion kritisieren. Soziale Reproduktion umfasst die Bereiche und Dienstleistungen (Wohnen, Gesundheit, Kinderbetreuung, Altenpflege, Bildung), die notwendig sind, um die Existenz einer produktiven Arbeiter*innenschaft aufrecht zu erhalten. Dieser Bereich der menschlichen Arbeit ist seit jeher historisch un- bzw. unterbezahlt und wird hauptsächlich Frauen aufgebürdet.

Die primäre Wachstumsstrategie des Kapitalismus sieht unter dem Neoliberalismus die Privatisierung und Kommodifizierung (=Verwandlung in eine Ware) der sozialen Reproduktion vor, wodurch sich der Markt im Bereich der sozialen Fürsorgearbeit breit gemacht hat. Die Expansion von Privatschulen, der Ausverkauf von Wasserleitungen, der Anstieg von Studiengebühren, Private-Public-Partnerships, profitgetriebene Altenpflege und private Rentenmodelle sind alle dadurch auf dem Vormarsch.

Die Hyperfinanzierung von Eigenheimhypotheken Mitte der 2000er Jahre ist vermutlich das dramatischste Beispiel dafür, wie die Behandlung von Wohnen als spekulative Ware außer Kontrolle geraten kann und somit ein perverses Zerrbild einer solch elementaren Notwendigkeit geschaffen hat. Nach der Finanzkrise von 2008 haben viele liberale Ökonom*innen damit argumentiert, dass Regulierungen im Sekundärhypothekenmarkt das Schlimmste verhindert hätten. Es könnte sogar gute Gründe geben, eine solche Regulierung zu begrüßen. Aber: Die konstanten Schwankungen von Miet- und Wohnungspreisen werden unter dem Kapitalismus nicht verschwinden, denn diese Ab-und Aufschwungszyklen sind in jeder kapitalistischen Ware inhärent. So gesehen sind Gentrifizierung und Landflucht zwei Seiten derselben Medaille. Anstatt aber jede Seite der Ware mit eigenen Mitteln zu bekämpfen, müssen wir eher den Warenfetisch und die damit verbundene Kommodifizierung des Wohnens ansprechen, die dem Ganzen zugrunde liegt.

Wenn die Preise sinken, dann haben Vermieterinnen wenig Anreiz, Mietwohnungen in ihrem Bestand an Wohnungen instand zu halten, und viele Hausbesitzerinnen mit einem Arbeitseinkommen finden sich unter Wasser, was so viel heißt, dass sie mehr an Hypotheken zurückzahlen müssen, als ihre Immobilie wert wäre. Zusätzlich verlassen sich Kommunalregierungen oft auf Ortstaxen, um soziale Dienstleistungen zu finanzieren. Diese werden dann gekürzt, wenn sie am meisten gebraucht werden. Durch fehlende Investitionen leiden öffentliche Schulen oder die lokale Gesundheitsversorgung darunter.

Wenn die Preise dagegen steigen – so wie in der Blase, die wir momentan in städtischen Gebieten in Europa und den USA erleben – erleben viele arbeitende Menschen Druck auf ihrem Konto oder werden aus ihren Wohnungen verdrängt. In einer solchen Aufwärtsbewegung ist das Profitmotiv ein limitierender Faktor innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft für das Erfüllen unserer Basisbedürfnisse wie eben Wohnen. Es wird niemals wirklich profitabel sein, armen und arbeitenden Menschen Wohnraum zu Verfügung zu stellen, anstatt ihn für überteuerte High-End-Preise auf den Markt zu bringen.

Investor*innen, Kreditgeber*innen, Immobilienentwickler*innen und Vermieter*innen ziehen aber die arbeitende Bevölkerung etwa nicht über den Tisch, weil Kapitalist*innen böse Menschen seien. Viel eher ist es so: Wenn sie nicht ständig ihre Profite akkumulieren und wieder reinvestieren, dann fallen sie aus dem Wettbewerb heraus. Selbst wenn sie den wollten, können sie es sich sogar nicht leisten, auf die Interessen von der Mehrheit der Menschen zu schauen, denn der städtische Wohnungsmarkt ist übersättigt von anderen Firmen und Wettbewerbstreibenden, die sie sofort verdrängen würden.

Die hohen Kosten in den urbanen Regionen sind Ursache dafür, dass wir uns nicht “freibauen” können, indem wir einfach Regularien lockern oder Steuererleichterungen für private Unternehmen durchsetzen, wie es Konservative und Liberale so oft fordern. Der einzige Weg für Immobilienentwickler*innen, um gute Profite zu erwirtschaften, besteht darin, in High-End-Wohnungen zu investieren, die den Boden- und Ressourcenverbrauch in die Höhe treiben. Der einzige Weg für Regierungen und Kommunen auf einem solchen Markt Bezahlbarkeit zu schaffen, liegt in der übermäßig großen Subventionierung kapitalistischer Wohnungsunternehmen. Wäre es daher nicht vernünftiger, den Mittelsmann aus dieser Gleichung auszuklammern, sodass Städte und Kommunen selbst Wohnungen finanzieren und bauen unter der Prämisse, dass sie diesen Wohnraum zu bezahlbaren Konditionen der großen Mehrheit der Menschen zur Verfügung stellen, die Wohnraum brauchen?

Diese Art von öffentlich gebauten und gesellschaftlich verwalteten, sozialen bezahlbaren Wohnbau ist dem öffentlich subventionierten und angeblich leistbaren, privaten Wohnbau in vielerlei Hinsicht überlegen. Auch das geförderte Wohnen erliegt nicht zuletzt dem Druck des Profitmotivs. Solche Bauten werden eher dem Substandard verfallen, das sie nicht die ausreichende Instandhaltung bekommen. Steigt außerdem der Preis für das darunter liegende Land, wird Druck aufgebaut, eine solche Immobilie zum Marktpreis zu vermieten oder sie als Eigentumswohnung zu verkaufen.

Der Kapitalismus – durch sein Monopol des Investments – hält unsere Gesellschaft als Geisel beim wichtigsten Grundbedürfnis Wohnraum. Unsere Gesellschaft hat die Ressourcen und das Vermögen für jede*n eine sichere, stabile, bezahlbare Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Kapitalist*innen weigern sich, dieses menschliche Grundbedürfnis zu stillen, denn dadurch würden sie nie den Profit machen, der sie im Geschäft hält.

Daher gilt folgende Forderung: Es braucht massive Investitionen in einen demokratisch geplanten und demokratisch verwalteten sozialen Wohnbau. Wir werden die unrechtmäßig erworbenen Gewinne der kapitalistischen Immobilienentwickler*innen durch eine hohe Besteuerung von Vermögen und Kapital denen zurückgeben müssen, denen sie zustehen und uns sozialen Wohnbau selbst schaffen müssen.

Thomas Hörl

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