Es kann doch nicht die Aufgabe unseres Bildungssystems sein, die Muttersprachen von Kindern mit Migrationshintergrund zu lehren. Mit diesem Vorschlag hat sich die ÖVP wieder einmal selbst als Österreichische Verräter Partei entpuppt, poltert der RFJ-Funktionär Patrick Haslwanter. Dieser peinliche Satz entlarvt Haslwantner, aber auch den von ihm kritisierten Innsbrucker ÖVP-Funktionär Gruber, der völligen Unkenntnis des österreichischen Bildungssystems, das schon seit den frühen Siebzigerjahren den muttersprachlichen Türkischunterricht vorsieht.
Mit nur ein wenig Internetrecherche vor dem Lospoltern angesichts der heutigen Schlagzeile in der Tiroler Tageszeitung ( Innsbrucker VP fordert Türkisch-Kurse für Migranten) hätte sich Haslwanter vor dieser Peinlichkeit bewahrt. Denn der Türkischunterreich lief seit den frühen Siebzigerjahren, als die ersten Gastarbeiterkinder in den österreichischen Schulen unterrichtet wurden, unter dem Titel muttersprachlicher Zusatzunterricht im Rahmen eines Schulversuches. Mit Beginn des Schuljahres 1992/93 wurde er dann aber an den allgemein bildenden Pflichtschulen (Volksschulen, Hauptschulen, Sonderschulen, Polytechnische Schulen) ins Regelschulwesen übergeleitet.
Dass wiederum der von Haslwanter in der Aussendung so kritisierte Innsbrucker ÖVP-Funktionär Gruber ein so altes Schulfach wie den Muttersprachlichen Türkischunterricht als neueste ÖVP Erkenntnis verkaufen will, ist indessen ebenfalls bemerkenswert.
Es wäre wünschenswert, wenn sich politische Funktionäre künftig zuerst ein bisschen über das österreichische Bildungssystem INFORMIEREN würden, bevor sie sich dazu wortreich öffentlich zu Wort melden.
Übrigens: Informationen über den Muttersprachlichen Unterricht findet man ganz bequem im Internet:
Gesetzliche Grundlagen schulischer Maßnahmen für SchülerInnen
mit einer anderen Erstsprache als Deutsch
unter dem Link:
http://archiv.bmbwk.gv.at/medienpool/6416/nr1_06.pdf
Diese Datei befindet sich auf der inzwischen online archivierten Homepage des MInisteriiums der ÖVP-Ministerin Elisabeth Gehrer und war wohl schon während der gesamten Mitregierungszeit der FPÖ und später des BZÖ online verfügbar. Haslwanters Kritik geht also schon von daher völlig ins Leere, hätte doch die FPÖ selbst dieses Fach zwischen 2000 und 2005 abschaffen können, als sie auf der Regierungsbank saß. Aslo offensichtlich war für die FPÖ selbst dieses Fach damals völlig in Ordnung.
Es wäre übrigens SEHR interessant zu wissen, was der Tiroler FPÖ-Vorsitzende und karenzierte HAK-Lehrer NR Gerald Hauser zu diesem Thema meint. Könnte er als Pädagoge seinem Jugendfunktionär vielleicht ein bisschen Nachhilfe hinsichtlich der sprachwissenschaftlichen Grundlagen des Spracherwerbs geben??? Immerhin erinnere ich mich an eine Podiumsdiskussion im Nationalratswahlkampf 2006 in Schwaz, wo Hauser höchspersönlich betonte, die Integration der hier lebenden Migranten fördern zu wollen. Hauser muss als Lehrer wissen, dass der Deutscherwerb ohne ausreichende Kenntnisse der Muttersprache nur sehr erschwert gelingt. Es ist wohl nicht gut vorstellbar, dass er pädagogischens Wissen in den Monaten seither verloren hat...