Entstaatlichung in Österreich

Freitag, 30. Dezember 2005, 18:48 Uhr

Beitrag von: GLB


Nach vielen Industriebetrieben gerät jetzt die Infrastruktur in den Fokus von Manfred Bauer

Die österreichische Regierung tritt bei der Privatisierung des Restbestandes des Staatseigentums noch einmal kräftig auf das Gas.


Die Österreichische Post AG, eines der selten gewordenen Unternehmen der Alpenrepublik, das noch zu 100 Prozent im Staatseigentum steht, soll von den Fesseln eben dieses Eigentums befreit werden. Ihr Vorstandsvorsitzender, Anton Weiss, bejubelt die geplante Entstaatlichung als »Freiheit pur«.
Welche Qualität von Freiheit er damit meint, zeigt ein Blick auf die Privatisierungsgeschichte Österreichs der vergangenen zehn Jahre: Fast alles, was gut und wertvoll war und vor allem Arbeitsplätze schuf und sicherte, wurde an private Investoren, wie Profiteure euphemistisch genannt werden, verscherbelt. Darunter der mit Steuergeldern sanierte Voest-Konzern und das international führende Technologieunternehmen VA Tech, das traditionsreiche Reifenwerk Semperit, das sich der deutsche Continental-Konzern einverleibte, die Postsparkasse, die Telekom Austria, die Austria Tabakwerke, das Dorotheum, die Bank Austria und viele mehr.


Die privaten Eigentümer »restrukturierten« zunächst die ehemaligen Staatsunternehmen. Das heißt, sie entließen Beschäftigte, verlagerten Produktionsstätten ins billigere Ausland, im günstigsten Fall forderten sie vom Staat großzügige, nicht rückzahlbare Investitionshilfen. Continental etwa ließ sich das österreichische Familiensilber Semperit noch mit einer Finanzspritze von rund 72 Millionen Euro vergolden, ehe der Großteil davon ins tschechische Barum-Werk wanderte.


Was an öffentlichem Eigentum übrig blieb, nimmt sich heute wie ein trauriges Restbiotop einer ehemals blühenden staatlichen Industrielandschaft aus. Doch auch dieses soll in private Hände gelangen, am besten noch vor der kommenden Nationalratswahl 2006.
Nachdem österreichische Regierungen seit 1995 die Industriebetriebe mittlerweile fast vollständig privatisiert haben, rücken nun die zentralen Infrastrukturunternehmen in den Fokus der Entstaatlichung.


Mit der Verabschiedung des Postgesetzes durch die Regierungsmehrheit im österreichischen Parlament hat die Postprivatisierung ihren stürmischen Anfang genommen. Zwar kam es durch die rot-grüne Mehrheit im Bundesrat, dem österreichischen Länderparlament, zu einem Beharrungsbeschluss, dies wird die Postprivatisierung indes lediglich verzögern, kaum aber verhindern. Auch der verbliebene staatliche Anteil von 30,17 Prozent an der Telekom Austria steht zur Disposition. Da passen die Angriffe der zahlreichen österreichischen und internationalen Privatanbieter bestens in Konzept, die das angebliche »Beamtentum« der Mitarbeiter der Telekom systematisch zum medialen Thema machen und die Beschäftigten und ihr Unternehmen auf diese effektive, weil hegemoniale Weise diffamieren. Zuletzt rückten auch wieder die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), ein 100-prozentiges Staatsunternehmen, in den Mittelpunkt des Privatisierungsinteresses. Mit der von der Regierung vom Zaun gebrochenen Diskussion über angebliche Privilegien der Bahnbediensteten will sie ideologisch das Terrain für die Zustimmung der Österreicher zum Verkauf der Bahn aufbereiten. Und sie versucht so von dem Chaoes abzulenken, dass sie selbst mit der neuen Unternehmensstruktur der Bahn verursacht hat. Aber auch diese lassen sich als »typische Ineffizienz« eines Staatsunternehmens inszenieren.


Die Opposition aus Sozialdemokraten (SPÖ) und Grünen leistet gegen die Privatisierungshysterie der Regierung nur halbherzigen Widerstand. Vor allem bei der SPÖ ist dies nicht weiter verwunderlich, war sie es doch, die zu Beginn der 90-er Jahre die Privatisierung von Staatseigentum eingeleitet hat.
Konsequenter Widerstand kommt von der kommunistischen KPÖ und von außerparlamentarischen Gruppierungen. Sie kritisieren die Privatisierung von Staatsbesitz als »kalte Enteignung von gesellschaftlichem Eigentum«.

Neues Deutschland - 28.12.2005

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